Zukunft in Deutschland: Bleibeperspektiven für ukrainische Fachkräfte

drei Frauen und ein Mann sitzen nebeneinander auf einem Podium

© Landesinitiative Fachkraft im Fokus

Wie können Menschen aus der Ukraine, die bereits seit Jahren in Deutschland leben, arbeiten und deren Kinder hier aufwachsen, sich auch rechtlich eine langfristige Zukunft aufbauen? Diese drängende Frage stand im Mittelpunkt einer gut besuchten Informationsveranstaltung am 16. April 2026 in der alten Stadtbibliothek in Zeitz, zu der das WelcomeCenter Sachsen-Anhalt gemeinsam mit dem Ukrainischen Zentrum für Integration und Kulturaustausch Zeitz e. V. eingeladen hatte.

Eine Frage mit wachsender Dringlichkeit

Der Aufenthaltstitel nach § 24 Aufenthaltsgesetz, der den Schutzstatus der meisten ukrainischen Geflüchteten in Deutschland regelt, ist bis März 2027 befristet – und ob er verlängert wird, ist derzeit offen. Für viele Menschen bedeutet das: Unsicherheit, trotz gelebter Integration. Sie sprechen Deutsch, haben feste Arbeitsstellen und ihre Kinder sind längst Teil des hiesigen Schul- und Ausbildungssystems. Der Wunsch, sich dauerhaft in Deutschland eine Zukunft aufzubauen, ist real – und berechtigt.

Das WelcomeCenter Sachsen-Anhalt nimmt diese Situation ernst. Denn die Frage nach Bleibeperspektiven ist nicht nur eine humanitäre – sie ist auch eine Frage der Fachkräftesicherung in Sachsen-Anhalt. Qualifizierte Menschen, die bereits im Land verwurzelt sind, produktiv arbeiten und gesellschaftlich teilhaben, sind ein wertvoller Beitrag zur Zukunft der Region. Sie zu halten, liegt im Interesse aller.

Starkes Netzwerk – gebündelte Expertise vor Ort

Was die Veranstaltung in Zeitz besonders auszeichnete, war die konsequent vernetzte Herangehensweise des WelcomeCenters. Anja Reißmann, Regionalberaterin im Burgenlandkreis, organisierte die Veranstaltung nicht allein, sondern aktivierte gezielt die relevanten Partner – und brachte so an einem Abend genau die Expertise zusammen, die die Teilnehmenden brauchten.

Roula Rached von der Anerkennungsberatung des IQ Netzwerks Sachsen-Anhalt (Standort Halle) informierte über die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse – ein zentrales Thema für alle, die ihre Qualifikationen in Deutschland geltend machen möchten. Thomas Leistner von der Migrationsagentur Burgenlandkreis, zuständig für Fachkräfteeinwanderung in der Ausländerbehörde und Berater für Arbeitsmarktintegration, brachte fundiertes aufenthaltsrechtliches Wissen direkt aus der Praxis mit. Liudmyla Kapustina sorgte als Dolmetscherin dafür, dass keine Frage unbeantwortet blieb – indem sie zwischen Deutsch und Ukrainisch übersetzte und so Verständigung auf Augenhöhe ermöglichte.

Dass das WelcomeCenter dabei auch bewusst mit einer Migrantenselbstorganisation – dem Ukrainischen Zentrum für Integration und Kulturaustausch in Zeitz – zusammenarbeitet, ist kein Zufall. Solche Vereine kennen die Lebenswirklichkeit ihrer Communities, genießen Vertrauen und erreichen Menschen, die über klassische Behördenwege vielleicht nicht erreicht würden. Diese Partnerschaft zu stärken und sichtbar zu machen, ist Teil des Selbstverständnisses des WelcomeCenters.

Was die Teilnehmenden erfuhren

40 ukrainische Frauen und Männer waren gekommen – eine starke Beteiligung, die das große Informationsbedürfnis deutlich machte.

Anja Reißmann eröffnete mit einem Blick auf die aktuelle Arbeitsmarktsituation im Burgenlandkreis: Zahlen der Agentur für Arbeit belegen, dass immer mehr Menschen aus der Ukraine in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung angekommen sind – innerhalb eines Jahres stieg ihre Zahl um bemerkenswerte 40 Prozent. Eine Entwicklung, die zeigt: Integration in den Arbeitsmarkt gelingt – und das WelcomeCenter begleitet diesen Prozess aktiv.

Roula Rached vom IQ Netzwerk erläuterte anschließend die verschiedenen Wege zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse: Wo liegen die Unterschiede zwischen Berufsausbildung und Studium? Was bedeutet es, wenn ein Beruf reglementiert ist? Welche Dokumente müssen übersetzt werden – und wann? Praxisnahe Antworten auf Fragen, die über berufliche Perspektiven entscheiden.

Das WelcomeCenter selbst informierte über alternative Aufenthaltstitel, die über den § 24 hinausgehen: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein? Wie gelingt der Weg zur unbefristeten Niederlassungserlaubnis über eine Fachkräftetätigkeit? Dabei wurde deutlich: Ein anerkannter Berufsabschluss, gute Deutschkenntnisse und die eigenständige Sicherung des Lebensunterhalts sind die drei zentralen Säulen – aber auch für Menschen ohne formalen Abschluss oder mit dem Ziel einer Ausbildung in Deutschland gibt es Wege.

Fragen, die das Leben stellt

Der anschließende Frageblock machte eindrücklich spürbar, wie konkret und persönlich die Sorgen der Teilnehmenden sind:

Die Fragen reichten von praktisch bis existenziell: Was passiert, wenn ich meinen Job verliere? Werden Monate, die ich bereits unter § 24 gearbeitet habe, für einen unbefristeten Aufenthaltstitel angerechnet? Lohnt es sich, auch meinen Schulabschluss anerkennen zu lassen? Welche Möglichkeiten habe ich als Lehrerin, in Deutschland zu arbeiten? Wie erfülle ich die Mindestgehaltsgrenzen, wenn ich über 45 Jahre alt bin? Und: Wie kann ich auch den Aufenthalt meiner Kinder langfristig sichern?

Am Ende der zweistündigen Veranstaltung nutzten viele Teilnehmende die Möglichkeit, ihre individuelle Situation in persönlichen Gesprächen mit den Expertinnen und Experten zu besprechen. Genau das ist der Mehrwert solcher Formate: Information trifft auf persönliche Beratung – und Menschen gehen mit konkreten nächsten Schritten nach Hause.

Damit die Inhalte des Abends auch über die Veranstaltung hinaus wirken, hatte Anja Reißmann eigens eine Präsentation in Einfacher Sprache erstellt. Diese wurde im Anschluss sowohl den Teilnehmenden als auch dem Integrationsnetzwerk Burgenlandkreis zur Verfügung gestellt – als niedrigschwelliges Nachschlagewerk für alle, die die Informationen noch einmal in Ruhe nachlesen oder weitergeben möchten. Ergänzt wird die Präsentation durch eine Linksammlung, die weiterführende Informationen im Internet zugänglich macht und dabei hilft, relevante Antragsformulare schnell und unkompliziert zu finden.

Fazit: Vernetzung als Schlüssel zur Fachkräftesicherung

Die Veranstaltung in Zeitz steht exemplarisch für das, was das WelcomeCenter Sachsen-Anhalt leistet: Es schafft Räume, in denen komplexe Themen verständlich werden – für Menschen, die in Sachsen-Anhalt bereits ihren Platz gefunden haben und ihn langfristig halten möchten. Es vernetzt Anerkennungsberatung, Ausländerbehörde, Migrantenselbstorganisationen und die eigene Expertise zu einem Angebot, das größer ist als die Summe seiner Teile.

Qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen ist das eine – sie zu halten, ist die eigentliche Aufgabe. Das WelcomeCenter Sachsen-Anhalt begleitet diesen Weg.

Besuchen Sie gern unsere Infothek für mehr Informationen für Geflüchtete aus der Ukraine, zur Anerkennung ausländischer Qualifikationen und zu weiteren rechtlichen Grundlagen.